Vom Zug aus sieht man immer die triste Rückseite der Häuserreihen, nicht selten darauf die Tünche längst mit Schmutzgrau übertan, der Schimmel punktet Muster darein. Die Bahnhofsgebäude, meist klassizistisch oder neugotisch, braucht man längst nicht mehr, manche sind billig vermietet, es zieht, wer hier wohl wohnt, andere mit kaputten Scheiben oder Brettern in den Löchern, es riecht nach Pisse. Nebenan in graurosa das übliche Verbundsteinpflaster, so steril wie das andere miefig.
Nach drei Stunden ist auch das Lesen unmöglich, ich stehe auf und setze mich wieder hin. Zeit zum Nachdenken wäre jetzt, aber obwohl mich niemand stört, fehlt die Ruhe. Gleich fährt der Zug irgendwo ein, der Lautsprecher kratzt etwas, Ausstieg rechts, glaube ich gehört zu haben.
Ich suche meinen MP3-Player aus dem Rucksack, das Kabel verheddert sich, nur Geduld, ich weiß mittlerweile, dass ich nicht fickrig werden darf, es wird nur eine Minute dauern, bis die schwarzen Leitungen verlegt sind. Etwas unschlüssig suche ich eine Musik aus. Anouar Brahem, “The Astounding Eyes of Rita”. Die Zuggeräusche lassen sich nicht aussperren und ich muss die Lautstärke höher pegeln. So wird es unangenehm. Ich gebe es auf und wickle die Kopfhörerkabel wieder zusammen, möglichst säuberlich, obwohl ich genau weiß, dass sie sich wieder verknoten werden, wenn ich den Player das nächste Mal heraushole. Ich sehe auf die Uhr.
